Oliver Huntemann im Interview: „Mir ist relativ egal womit ich spiele, Hauptsache ich kann meine Musik präsentieren“

Der in Hamburg lebende DJ und Produzent Oliver Huntemann ist durch seine zahlreichen Produktionen, Remixe (u.a. für Underworld, Depeche Mode) und Kollaborationen insbesondere mit Dubfire und Stephan Bodzin bekannt. Er hat die elektronische Tanzmusik maßgeblich mitgeprägt.

Schon sehr früh war Oliver an Musik interessiert: Er nahm Radioshows auf und im Alter von vierzehn Jahren begann er öffentlich Platten aufzulegen. Schulfeste boten dem jungen Oliver Huntemann eine Plattform. Im Jahr 1990 feierte er seinen ersten Club-Gig in Oldenburg und beginnt selbst Techno-Partys zu veranstalten. Heute lebt Oliver in Hamburg, betreibt sein neuestes Baby, das Label Senso Sounds und die eigene Booking Agentur Kontrast Artists.

Vor kurzem erhielten wir die Möglichkeit, Oliver ein paar Fragen zu stellen. Wir sprachen mit ihm unter anderem über sein neues Label Senso, die Booking Agentur Kontrast Artists, die Mix–Compilation PLAY! 05 und ein paar allgemeine Dinge aus seinem Leben.

Oliver Huntemann

Hallo Oliver, der Sommer ist leider vorbei und der Herbst steht nun vor der Tür. Wo hast du deine Sommerferien verbracht? Oder bleibt bei deinem prall gefüllten Terminkalender keine Zeit?

Oliver Huntemann: Wirkliche Sommerferien habe ich nicht gemacht. War ein paar Tage mit Freunden auf Ibiza, um die letzen Sonnenstrahlen zu genießen. Hin und wieder hänge ich ein paar Tage irgendwo dran oder vor. Es ist aber an der Zeit für einen richtigen Urlaub. Der nächste ist Skilaufen im Januar, die Flüge sind schon gebucht!

Im vergangenen Jahr feierte dein Label Ideal Audio sein 5-jähriges Jubiläum. Was geht dir durch den Kopf, wenn du auf die Veröffentlichungen zurückblickst? Gab es da über die Jahre Veränderungen oder besondere Erinnerungen / Momente?

Oliver Huntemann: Ideal war eine wichtige Zwischenstation für mich. Schon mit dem ersten Release Dios von Dubfire und mir gab es einen großartigen Start. Ich mag gerne Dinge für eine bestimmte Zeit, aber dafür mit viel Energie zu betreuen.

Du hast bereits die Labels Ideal Audio und Confused Recordings ins Leben gerufen. Wie kam es dazu, dass du jetzt das Label Senso gegründet hast? Gab es dafür einen bestimmten Grund? Deine alten Labels sind jetzt praktisch stillgelegt?

Oliver Huntemann: Richtig, meine alten Labels sind stillgelegt. Confused schon seit über fünf Jahren. Ideal Audio nach der Agua, der letzten Folge aus der Elements Reihe von Dubfire und mir. Senso Sounds ist mein neues Label. Es war für mich an der Zeit eigene Wege zu gehen. Die langjährige Zusammenarbeit mit Jan Langer aus Bremen war toll und lehrreich, aber wie es mit Beziehungen manchmal ist, kommt man an Punkte, an denen unterschiedliche Visionen und Einstellungen eine fruchtbare Zusammenarbeit schwierig werden lassen. Ich wollte schon seit langem ein Team in Hamburg haben, welches sich vor Ort ausschliesslich um mein Belange und Ideen kümmert. Das habe ich jetzt mit dem neuen Label Senso Sounds und der dazugehörigen Bookingagentur Kontrast Artists geschaffen, weswegen ich auch bei Cocoon ausgestiegen bin. Das System arbeitet nun Hand in Hand und ich bin sehr glücklich damit. Außerdem ist es extrem förderlich vor Ort zusammen zu arbeiten und schnell einen Kaffee zu trinken und Ideen auszutauschen, anstatt diverse Belange per Skype oder Emails zu klären.

Oliver Huntemann

Mit der EP „Blitz & Donner“ erschien im Juli die erste Veröffentlichung auf dem neuen Label Senso von dir selbst. Was ist für die Zukunft des Labels geplant? Über Produktionen welcher Künstler dürfen wir uns freuen?

Oliver Huntemann: Gestern ist meine PLAY! 05 live in Vienna Mix-Compilation erschienen. Am 13. Oktober kommt die „Apaneka EP“ von Matt Sassari & Mat Mor. Ein Duo aus Marseille und Wien. Matt Sassari hat schon einige Releases und Remixe vorzuweisen, Mat Mor ist der Gründer vom Techno Label Panterre Musique. Hat noch nicht so viele Platten released, ist aber ein begnadeter DJ. Am 03. November kommt meine Single Schnitzel / Vienna, die zur PLAY! 05 CD gehört und am 24. November erwartet uns ein Release von unserem langjährigen Freund des Hauses: Andreas Henneberg. Wir sind mit unserem Releaseplan, trotz straffen Veröffentlichungen alle drei Wochen, schon im April 2015 angekommen.

Erst kürzlich erschien auch der finale Part der Elements-Serie zusammen mit Dubfire und Vocals von Xenia Beliayeva, das Finale auf Ideal Audio. Wird es weitere Produktionen von dir und Dubfire geben?

Oliver Huntemann: Sicherlich, wir haben schon einige Ideen im Raum über die ich aber momentan noch nicht sprechen will. Du kennst ja den Spruch über die ungelegten Eier. Wenn es soweit ist, lasse ich es euch wissen.

Mit deiner PLAY!-Reihe veröffentlichst du regelmäßig Live-Mitschnitte, die du in weltweit bekannten Clubs aufgenommen hast. Vier Veröffentlichungen aus Paris, Sao Paolo, New York und Melbourne sind es bereits. Anfang Oktober erscheint Nummer fünf – aufgenommen in Wien. Wie bist du auf die Idee mit der PLAY!-Reihe gekommen? Nach welchen Kriterien entscheidest du, wann und vor allem wo ein solcher Live-Mitschnitt entsteht?

Oliver Huntemann: Auf einer meiner Reisen dachte ich, dass es schön wäre, wenn man die Nächte irgendwie in Erinnerung behalten und das Gefühl einfangen könnte. Compilations und DJ Mixe sind so ein Ding und kritisch heutzutage. Dann kam ich auf die Idee, Nächte in Clubs die ich mag Live und mit Atmosphäre des Publikums aufzunehmen. Das sind schöne Erinnerungen. Ein bisschen, wie ein musikalisches Fotoalbum, nicht nur für mich, sondern auch für meine Fans. Diejenigen, die dabei waren, haben mit der Compilation eine besondere Erinnerung an die Nacht, die anderen hören, wie es in Paris oder New York war und bekommen so etwas von dem Vibe mit. Ich finde die Vorstellung schön. Sie schafft eine Verbindung zwischen mir und meinem Publikum. Die Kriterien sind ganz einfach, ich entscheide aus dem Bauchgefühl. Hat mir eine Nacht in einem Club besonders gut gefallen und stimmen dort die technischen Voraussetzungen, kommt dieser Club in die engere Auswahl für die nächste PLAY!

Oliver Huntemann

PLAY! 05 hast du im Club „Grelle Forelle“ aufgenommen. Vor kurzem habe ich gelesen, dass es einer deiner favorisierten Clubs weltweit ist. Was macht diesen Club so besonders?

Oliver Huntemann: Wien hat eine ganz tolle und eigene Musikszene. Ich mag es sehr gerne dort. Grelle Forelle ist ein optimaler Club für Techno. Tolles Soundsystem, schönes Licht, richtige Größe, gute Dynamik und das Publikum ist phänomenal.

Du hast mittlerweile auch deine eigene Booking Agentur Kontrast Artists. Wer ist da alles dabei und wie kam es, dass du deine eigene Booking-Agentur gründest? Dient diese dazu, neue Talente zu fördern?

Oliver Huntemann: Ebenso wie bei Senso möchten wir auch bei Kontrast mit einer kleinen, aber feinen Auswahl an Künstlern arbeiten, einer Mischung aus jungen, vielversprechenden Talenten und erfahrenen Künstlern. Mein Tourmanager Suratt, der mich die letzten zweieinhalb Jahre zu allen Gigs begleitet hat, ist gerade dabei, sich als Head of Booking einzuarbeiten. Momentan sind dubspeeka aus Bristol, Jens Bond aus Berlin und meine Wenigkeit im Artist Roster, aber das wird Stück für Stück ausgeweitet.

Was würdest du einem jungen, talentierten DJ bzw. Künstler an Tipps mit auf den Weg geben?

Oliver Huntemann: Das ist schwer und kann kaum pauschalisiert werden. Glaube an das, was man tut und Zielstrebigkeit sind sehr wichtig. Fokussiert voran gehen. Erreichbare Etappenziele setzen.

Gibt es für dich einen Newcomer, von dem wir noch viel erwarten können?

Oliver Huntemann: Na klar, habt ein Auge auf BE//LA! Der Junge Mann kommt aus Hamburg und hat einen ganz eigenen, frechen und rockigen Stil. BE//LA ist schon mit einem exklusiven Track auf dem PLAY! 05 Mix vertreten und eine Single auf Senso wird folgen.

Als Musikschaffender bist du viel in der Welt unterwegs, betreibst Labelarbeit und leitest eine Booking Agentur. Wie bringst du das alles unter einen Hut? Bleibt da überhaupt genug Zeit für Privatleben?

Oliver Huntemann: Momentan ist mein Privatleben in der Tat beschränkt, aber das ist OK. Wie sagt man so schön: „Ich lebe für das, was ich tue!“

Oliver Huntemann

Was hat sich für dich in den letzten Jahren besonders verändert? Ist dir da etwas aufgefallen?

Oliver Huntemann: Krass ist natürlich die Entwicklung von EDM und damit verbunden auch die der UDM in den USA. Das hat viele Vor- und Nachteile gebracht. Alles muss jetzt anscheinend eine Nummer größer, lauter und heller sein, trotzdem hat es auch viele Türen geöffnet und frischen Wind in Over- und Underground gebracht.

Die Entwicklung der Technik im Musikbusiness steht nie still. Auf welche Technik möchtest du allgemein und nicht mehr verzichten müssen?

Oliver Huntemann: Früher waren als DJ die Plattenspieler mein Hauptarbeitsgerät, momentan ist es der Laptop und vielleicht demnächst der USB Stick. Mir ist relativ egal womit ich spiele, Hauptsache ich kann meine Musik präsentieren. Beim Produzieren ist es schon unglaublich, wie hoch die Qualität der Software Synthesizer und Plug-Ins ist. Ich möchte nicht mehr zurück in die Zeit, in der man sich mit verstimmten Instrumenten und schlechten Midi Verbindungen rumschlagen musste.

Gibt es ein einmaliges Erlebnis, einen besonderen Gig oder eine verrückte Story aus den letzten Jahren, die du uns nicht vorenthalten möchtest?

Oliver Huntemann: Ich habe vergangenes Jahr zwei Gigs in Mexico gehabt, für die ein Veranstalter verantwortlich war. In Mexico City lief alles super. Als wir jedoch am nächsten Nachmittag von dem Promoter abgeholt wurden, um per PKW nach Queretero zu fahren, hatte dieser offensichtlich noch nicht geschlafen. Nun gut, Augen zu und durch. Die vierhundert Kilometer verliefen auch relativ unspektakulär. Beim Soundcheck aber traute ich meinen Augen nicht. So waren tatsächlich die Plattenspieler auf zwei niedrige Gartentische aus Plastik aufgebaut. Eine wackelige Angelegenheit und mir tut nur beim Gedanken daran mein Rücken wieder weh. In der gesamten Zeit vor, während und nach der Party hat sich der Zustand des Promoters dank unmengen von Alkohol und weiteren Mittelchen weiter zugespitzt. Ich habe meinem Tourmanager prophezeit, dass uns dieser Typ bestimmt nicht abholen wird, damit wir heil zum Flughafen kommen. Zur verabredeten Zeit war natürlich niemand da und auch der Veranstalter nicht mehr erreichbar. Plötzlich kam jedoch ein Freund vom Freund des Promoters angerauscht, der uns umgerechnet zwanzig Dollar für die Busfahrt nach Mexico City in die Hand gedrückt hat. Um es kurz zu machen, wir haben auf eigene Kosten ein Taxi genommen.

Kommen wir nun zum Ende und somit zur letzten Frage. Was können wir in Zukunft von dir erwarten? Wird es nach „Paranoia“ ein fünftes Album geben?

Oliver Huntemann: Momentan bin ich kopfmäßig noch sehr dabei, das neue Label und die Booking Agentur in die Spur zu bringen. Aber ich denke, Mitte nächsten Jahres werde ich mich wieder für längere Zeit im Studio einschließen.

Das Interview führten Claudia Thiem und Philipp Elzner.

Wir bedanken uns ganz herzlich für das ausführliche Interview und wünschen dir viel Erfolg für deine zukünftigen Pläne und Ideen.

Über Claudi

Claudi wird euch ab sofort an ihrer Liebe zur Musik teilhaben lassen und euch des Öfteren mit wertvollen Informationen und Berichten auf dem Laufenden halten. Bereits im Jahr 2008 entfachte die große Leidenschaft zur elektronischen Musik, hervorgerufen durch befreundete DJs. Wenn sie nicht gerade hinter dem Schreibtisch sitzt und im Papierkrieg versinkt, dann vergnügt sie sich auf Partys, Veranstaltungen oder Festivals in diversen Städten. Eine bestimmte musikalische Richtung bevorzugt sie nicht. Egal ob treibende, kraftvolle Beats oder ein paar harmonische Melodien, sie mag Abwechslung, ist offen und entdeckt gerne neue Sachen.

2 Gedanken zu „Oliver Huntemann im Interview: „Mir ist relativ egal womit ich spiele, Hauptsache ich kann meine Musik präsentieren“

  1. Nachtimal1990 schreibt:

    1

    Wiedermal ein sehr tolles Interview :)
    Gute Fragen & ordentliche Antworten ..
    Go ahead , push REPLAY, CHECK!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

"Wenn wir könnten, würden wir Musik heiraten…"