Sonne Mond Sterne X6 – Skrillex

Sonne Mond Sterne X6

Das wohl am wenigsten Komfortable, was ich am Wochenende machen konnte, war mich – wie auch immer ich das geschafft hatte – in die erste Reihe der Mainstage, die ich sonst ganz gut gemieden hatte, zu quetschen. Dabei ist Quetschen schon nahezu eine Untertreibung. Mein Halbselbstmord galt Skrillex. Wer hätte gedacht, dass aggressiver Dubstep mit sägenden Tönen schon derartigen Mainstreamstatus genießt!? Ich jedenfalls nicht.

The Invaders bezeichnen Skrillex mit arger Ablehnung als den „Gott der Dorftrottel“, der guten Dubstep mit aggressiv verzerrten Geräuschen verfälscht und seelenlosen Krach produziert. Eine böse Beschreibung. Nun ist das allerdings alles schon wieder eine nicht endende Sache der Definition und Benennung der Musikrichtungen. Skrillex lieferte jedenfalls saubere Arbeit ab.

Meine leicht angenervte Nachbarin in der ersten Reihe stellte mit minimal zickiger Mimik fest: „Eyyy… für dich ist kein Platz mehr hier… es ist zu voll!!“ Ach nee???? Da hat aber jemand eine Blitzwahrnehmung… Nach vorn geschoben wurde ich jedenfalls von ganz allein, dafür sorgten die drückenden Massen von hinten und von der Seite… Zeitweise muss ich wohl schon nahezu im 45°-Winkel gestanden haben und freute mich, dass zumindest meine Füße noch so etwas wie Bodenhaftung behielten. Aber Umfallen war schwierig. Dafür pressten mich die schweißgebadeten Klopse zu meiner Rechten und Linken zu sehr in meine feste, in der Schräge allerdings variierende Position. Kuscheln durfte ich jedenfalls mit so ziemlich allen Körperteilen, die man sich vorstellen kann. Besonders angenehm, war der Arm, der ständig gegen meinen Hals klatschte – wenigstens aber im Rhythmus. Durchhalten, Anne!

Nach einer halben Stunde wurde mir Platz zum Luftholen gemacht, als sich einige zarte Persönchen neben mir von der Security ziemlich ungalant aus der feiernden, tanzenden und heftig springenden Menge fischen ließen – darunter auch meine zickige Freundin von nebenan. Aber egal, wie suboptimal doch meine Feierausgangssituation, die ich mit aller Kraft verteidigen musste, in der ersten Reihe war, Skrillex zauberte eine großartige Show daher. An technischer Umrahmung wurde jedenfalls nicht gespart. Der 23-Jährige aus L.A. untermalte seine musikalische Darbietung mit einer passenden Animation, darunter Szenen aus Animefilmen, Rauchfeldern und leicht überheißen Feuerwerfern. Mit Letzterem hatte vor allem die Security ihre Probleme, deren schnittige Rasurköpfchen völlig unerwartet von hinten leicht angekokelt wurden. Aber auch meinem Gesicht wurde es ab und an doch ein bisschen heiß. Ansonsten ist der Anblick von Skrillex an sich eher nicht so heiß – im Gegensatz zu Gesaffelstein. Aber dafür hatte er ja auch die Feuerwerfer.

Ich war über die Kreativität überrascht, die Skrillex in seine Musik packte. Mit Einflüssen aus japanischen Animefilmen, die sich zum Teil in den verwendeten Vocals wiederfinden, als auch Stilbrüche, die aus Musikrichtungen wie Reggae und Hip Hop stammen, wurden punktgenau mit aggressiven, ravenden Dubstep und unendlich vielen Effekten vermischt. Skrillex war mit Abstand der aktivste DJ, den ich an diesem Wochenende bewundern durfte. Und wieder einmal marschierten die Vibrationen der Bassboxen durch meinen Körper und man konnte einfach nicht anders, als heftig mit zu feiern – trotz massivem Platzmangel.

Skrillex Musik befindet sich jedenfalls weit entfernt von „mir ist gerade nach Chillen oder ruhigem Minimal zumute“. Skrillex gehört übrigens mittlerweile zur Top 10 der reichsten DJs der Welt. Am Ende dieses Abschnittes war ich jedenfalls völlig zerstört und freute mich, dass Kopf, Arme und Beine noch an ihren gewohnten Stellen saßen. Ich war grundsätzlich positiv überrascht von wirklich guten, bewegenden und innovativen Klängen, die die Massen inklusive mir begeisterten. So ganz kann ich also die Meinung der Invaders nicht teilen. Und mit mir gesellte sich zu den Dorftrotteln auch noch ein Stadttrottel.  Zeit zum Pausieren konnte ich mir allerdings nicht einräumen. Die Nacht war noch lang und außerordentlich gut.

Skrillex

Über Anne

Anne, Schwafeltante aus Leidenschaft, stürzt sich immer wieder gern quietschvergnügt in die erste Reihe vor die Bassboxen der Städte, um sich beste elektronische Klänge um die Ohren wehen zu lassen. Dabei mag sie vor allem alles, was den Körper von ganz allein bewegt und ordentlich knallt. Es dauert keine Sekunde, bis das aufgeweckte Bündel sich bei guter elektronischer Tanzmusik zum springenden Flummi verwandelt. In ihrem Plattenschrank – die Laptop-Playlist – finden sich vor allem die Genres Dubstep, Techno und Tech House. Zur Zeit laufen Barnt, Gesaffelstein, Karotte und Adam Beyer auf Hochtouren über den Player.

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